Fragen an Cem Bali

Wer bist du?

Mein Name ist Cem Bali. Ich bin Rapper aber gleichzeitig auch Produzent da ich alle meine Songs selber produziere. Seit mehreren Jahren wohne ich in Berlin.

Wofür genau steht Cem Bali? Was bedeutet dein Name?

Wenn ich im Ausland unterwegs bin, dann sagt eigentlich nie jemand, dass ich aussehe, als käme ich aus Deutschland. Früher haben 80% der Menschen immer Frankreich gesagt. Mittlerweile wird mein Aussehen dem türkischen bzw. dem arabischen Raum zugesprochen. Der Name Cem bezieht sich also auf mein Aussehen. Zudem schätze ich die Gastfreundschaft und die Offenheit der Menschen in vielen arabischen Ländern. Ich bin selber ein sehr neugieriger Mensch und offen für neue Erfahrungen. Zudem bin ich bestrebt mich möglichst oft höflich und freundlich zu verhalten. In Berlin ist dieses Verhalten zwar gar nicht unbedingt erforderlich. Aber im Rest der Welt wird Höflichkeit und Freundlichkeit viel mehr wertgeschätzt als hier.

Bali verbinde ich primär mit Sonne, Gelassenheit und einem harmonischen Miteinander. Es steht völlig im Kontrast zu unserer lauten, schnelllebigen Zeit. Bali steht in dem Zusammenhang stellvertretend für die gesamte Region Südostasien. Wie auch in anderen Regionen der Welt wird insbesondere in Südostasien ein höfliches und freundliches Auftreten in der Öffentlichkeit sehr geschätzt. Die Menschen achten sehr stark darauf, dass sie niemanden entwürdigen oder verletzen. Diese Geisteshaltung gefällt mir sehr. Übrigens bedeutet das indonesische Wort kembali übersetzt so viel wie „Bitte“ oder „Gern geschehen“ als Antwort auf „Danke“. Ich neige ebenfalls dazu, mich oft und reichlich bei anderen Menschen zu bedanken. Wahrscheinlich ist es manchmal sogar zu viel und in dem Umfang gar nicht notwendig. Aber irgendwie steckt dieses Verhalten in mir drin.

Warum machst du Musik?

Mein Kopf ist voll von Melodien als auch von Wortassoziationen, die dann zu Textzeilen werden. Die sind da irgendwie drin, ohne dass ich wüsste, woher das alles kommt. Das ist sozusagen mein Grundzustand. Ich bin eigentlich die ganze Zeit in einem Modus in dem ich einen neuen Song erschaffen könnte. Wirkliche Ruhe im Kopf habe ich selten bzw. eigentlich fast nie. Meine Musik ist mein Ventil um zumindest ein bisschen Ordnung und Struktur in meinen Kopf zu bringen. Es ist hilfreich zu wissen, dass, egal welche und wie viele Gedanken mir im Kopf rumschießen, ich diese jederzeit in etwas Kreatives verwandeln kann. Ich rede bewusst von schießen, denn leider ist mein Gehirn wie ein Maschinengewehr welches ständig am Ballern ist. Entweder ich bin damit beschäftigt irgendwelche Assoziationen herzustellen oder ich summe in Gedanken irgendein Lied vor mir her. Das kann natürlich sehr anstrengend sein. Wahrscheinlich verfüge ich über eine etwas erhöhte Wahrnehmung als die meisten meiner Mitmenschen. Dadurch nehme ich eben auch viel mehr Informationen auf, als mein Gehirn eigentlich verarbeiten kann. Irgendwo muss diese überschüssige Energie dann hin. Und für mich sind das dann meine Texte und meine Beats.

Worüber schreibst du?

Mein Grundprinzip besteht darin, dass ich eigentlich relativ ungefiltert aufschreibe was mir durch den Kopf geht. Meine Texte sind also nicht konstruiert oder willkürlich zusammengebaut. Im Regelfall schreibe ich vollständige Strophen in einem Durchgang. Nur so erreicht man wirklichen Tiefgang. Wenn man bei einem Song anfängt, Zeile für Zeile aneinanderzusetzen, dann ist das meistens nicht gut. Zumindest nicht für mich. Die Texte, dir mir viel bedeuten, sind alles Texte, die ich sozusagen in einem Durchgang runtergeschrieben habe. Das funktioniert natürlich nur, wenn man den inneren Zensor im Kopf ausschaltet und sich selber erlaubt, alles aufzuschreiben, was einem im Kopf rumschwirrt. Wenn ich dann nach ein paar Zeilen erkenne in welche Richtung bzw. welches Thema mein Unterbewusstsein mich gerade führt, dann versuche ich schon dabei zu bleiben und nicht willkürlich herumzuspringen. Im Regelfall leitet mich meine innere Stimme aber zuverlässig auf einen Weg der mich textlich dann dazu bringt ein Thema von vorne bis hinten mit all seinen Facetten schriftlich zu durchleben. Überwiegend verarbeite ich meine Alltagsbeobachtungen sowie meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich schreibe also über das, was mich in letzter Zeit beschäftigt hat. Manchmal habe ich den Eindruck, meine Texte sind mein Tagebuch, nur eben in einer komprimierteren Form.

Viele meiner Texte handeln aber auch von unerfüllten Träumen und Wünschen. Zudem habe ich immer stärker festgestellt, dass sich Aspekte wie Hoffnung und Sehnsucht durch meine gesamte Lyrik ziehen. Ich finde diese Erkenntnis bzw. diese Beobachtung ziemlich interessant. Denn auf der einen Seite beschäftige ich mich in einem überdurchschnittlichen Maße mit Selbstreflexion und schreibe daher sehr viel über vergangene Erlebnisse. Auf der anderen Seite scheint mein textlicher Blick aber genauso stark auf die Zukunft gerichtet zu sein. Ansonsten könnte ich mir diese Fülle an Zeilen welche eben diese Träume, Hoffnungen und Sehnsüchte thematisieren nicht erklären. Hier kommt wieder eine Ambivalenz zum Vorschein, die ich mir selber gar nicht richtig erklären kann.

Meine Texte handeln also vom echten Leben da draußen. Damit meine ich, dass ich ein sehr geringes Interesse daran habe mich in irgendwelche abstrusen Science-Fiction-Welten zu verlieren. Ich habe bis zum heutigen Tag noch nie eine Folge von Star Wars gesehen und verspüre auch nicht das geringste Interesse daran etwas zu ändern. Das ist eine Welt die mich von vorne bis hinten in keiner Weise berührt oder abholt. Wenn ich in einem Kinofilm Aliens sehe dann muss ich gehen. Für mich fühlen sich solche Welten einfach falsch und unecht an. Konstruiert eben. Hier soll etwas transportiert werden, was nicht ist. Für mich hat jede Situation, in der eine Person auf einer Parkbank sitzt und in die Gegend schaut, mehr Power und mehr Ausstrahlung als irgendein explodierender Stern.  

Was ist dir in deinen Texten wichtig?

Am wichtigsten sind mir zwei Dinge: Zum einen muss der fertige Text für mich ehrlich sein. Wie genau ich Ehrlichkeit an dieser Stelle definiere ist schwierig in Worte zu fassen. Aber ich darf mich beim Texten selber nicht belügen. Lügen ist für mich das Allerletzte. Und sich selber zu belügen ist schon so ziemlich das Dümmste was man machen kann. Wenn ich in meinen Texten nicht ehrlich bin dann würde sich das für mich also ziemlich falsch anfühlen. Ehrlichkeit kann sich z. B. darauf beziehen, dass ich ein Thema mit Würde behandelt habe. Wenn ich z. B. in dem Song Elitesoldat die Geschichte über einen Soldaten vom KSK erzähle welcher aufgrund seines Berufs seine Familie vernachlässigt und schließlich verloren hat, dann war es mir in dem Fall sehr wichtig, dass ich das Verhalten des Soldaten in keiner Weise werte. Ich mag es, zuhörenden Personen einen Song zu überlassen und dass diese sich dann ihre eigene Meinung bilden. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich unabhängiges Denken sehr schätze. Klar, es gibt viele Dinge, zu denen man klar Stellung beziehen kann und auch sollte. Aber das letzte was ich möchte ist, anderen Menschen die Welt zu erklären und aufzutreten, als wüsste ich, was richtig und was falsch ist. Meine Rolle ist eher die des beobachtenden Analytikers. Ich spiegele lediglich wider. Natürlich sind meine Beobachtungen von meiner Persönlichkeit und meinen Erfahrungen geprägt. In dem Sinne ist meine Musik natürlich nicht neutral. Sie ist vielmehr ein Abbild von den wie ich die Welt sehe. Inklusive all meiner Filter und Beschränkungen.  

Zum anderen muss ich aber auch das Gefühl haben, dass eine Textzeile bei einer anderen Person etwas auslösen könnte. Und dieses Gefühl bezieht sich bei mir auf jede einzelne Textzeile. Es ist mein persönlicher Anspruch, dass jede Zeile sitzt. Jede Zeile muss für sich stehen können. Ohne weitere Erklärungen. Mit Auslösen meine ich also, dass sich die Person plötzlich wiedererkannt fühlt oder dass sie anfängt das persönliche Verhalten zu reflektieren. Gerade im Rap sind direkte und klare Aussagen textlich relativ einfach zu gestalten. Wenn ich nicht damit die Absicht verfolgen würde, dass diese Aussagen auch bei zuhörenden Personen ankommen, dann hätte ich einen Grund weniger, diese aufzuschreiben. Natürlich schreibe ich in erster Linie erst einmal für mich. Auf der anderen Seite veröffentliche ich meine Musik ja auch. Wenn ich also nicht den Ansporn hätte, dass meine Aussagen etwas bewirken, dann bräuchte ich auch nichts zu veröffentlichen.

Durch welche musikalischen Elemente zeichnen sich deine Beats aus?

Meine Beats beinhalten immer eine eingängige Melodie. Die Beats wirken daher sehr dynamisch und nicht statisch. Das ist etwas, was mir z. B. beim Techno überwiegend fehlt. Die Melodie. Mir gefallen die Kicks, die Bässe und der generelle Drive bzw. Groove vieler Techno-Songs. Aber überwiegend fehlt mir halt einfach die Melodie. Mir fehlt das Element, was mich dazu animiert, mich mitzubewegen zu der Musik. Ich habe erst dadurch gelernt, wie wichtig es mir ist, dass ich einen Song produziere, zu dem man automatisch anfängt von vorne nach hinten zu wackeln. Sobald ich in einem meiner Songs diese Bewegung bei mir selber wahrnehme, dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Wichtig zu erwähnen ist ebenfalls, dass ich keine Samples verwende. Die gesamte Musik, die in meinen Beats zu hören ist, wurde also von mir selber produziert. Wenn ich mit anderen Produzenten spreche, dann höre ich immer wieder, dass diese sich sehr viel über Samples unterhalten. Da kann ich nicht wirklich mitreden. Manchmal fühle ich mich sogar etwas doof da ich denke, verdammt, du hast in deinem Beat ja gar kein Sample verwendet. Dann höre ich mir den Beat nochmal an und denke eigentlich immer, passt doch eigentlich alles. Mein Empfinden ist eher, dass wenn man mit einem Sample arbeitet, man eigentlich nur einen Remix erstellt. Man verändert etwas schon da gewesenes bzw. man setzt es in einen neuen Kontext. Diese Absicht würde mich beim Produzieren komplett behindern. Was ich benötige ist ein vollkommen leeres Projekt in meiner DAW. Das ist so wie beim Texteschreiben. Da fange ich ja auch bei Null an. Ich würde doch niemals ein Zitat von irgendeinem anderen Musiker als Ausgangspunkt für meinen eigenen Text nehmen. Und genau deswegen starte ich immer vollständig von vorne. D. h. jede Piano-Melodie, jede Bassline, jedes Drumming und jeder einzelne Synth ist immer nur für den jeweiligen Beat produziert. Ich verwende ständig neue Kicks, Snares und Hi-hats. Der Beat entsteht also komplett von Null und ohne vorgefertigte Patterns oder Soundausschnitte.

Was hat es mit dünn, diszipliniert und drogenfrei auf sich?

Mit dünn beziehe ich mich natürlich auf meine Körperform. Ich glaube halt einfach nicht, dass ich in das Klischee-Bild passe was viele Menschen immer noch von Rappern haben. Allgemein gesagt bin ich so ziemlich das Gegenteil von all den Gangster-Rappern da draußen. Mit diszipliniert meine ich, dass für mich ein paar Grundprinzipien und Werte gelten an die ich mich halte. Und Drogen spielen in meinem Leben von vorne bis hinten keine Rolle. Ich habe noch nie in meinem Leben irgendeine chemische Aufputschpille zu mir genommen. In vielen Köpfen herrscht wahrscheinlich immer noch das Bild vor, dass kreative Personen über keinen geordneten und strukturierten Alltag verfügen und man nur im Suff oder auf Drogen kreativ sein kann. Mit diesem Klischee möchte ich gerne aufräumen.